Der trojanische Krieg ist zu Ende. Odysseus (Michael Naroditski) und seine Krieger treten die Heimfahrt nach Ithaka an. Fotos: David Lindert
Athene (Gabriele Fischer), Göttin der Weisheit, der Strategie, des Kampfes und der Kunst, steht Odysseus (Michael Naroditski) zur Seite.
Memmingen (as). Mit der „Odyssee“, einer der ältesten überlieferten Erzählungen der Welt, brachte das Stadttheater einen Mythos auf die Bühne, der bis heute nichts von seiner Kraft verloren hat. In der Neuinszenierung von Regisseurin und Intendantin Sarah Kohrs feierte das antike Epos eine ebenso bildgewaltige wie gedankentiefe Premiere – und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.
Odysseus (Michael Naroditski) ist der Listenreiche, der sich, stark, mutig, resilient und wortgewaltig, Kraft seines Verstandes gegen Monster, Götter und das eigene Schicksal behauptet. Die Philosophie hat ihn zum ersten modernen Menschen erklärt – und doch erzählt die Odyssee zugleich von der überbordenden Fantasie und dem Erfindergeist ihrer antiken Autoren. Kohrs’ Inszenierung liest den Mythos als zeitlose Geschichte von Selbstfindung, Verantwortung und Demut.
Die bekannte Handlung – der zehnjährige Irrweg des Heimkehrers nach dem trojanischen Krieg, die Begegnungen mit Zyklopen, Sirenen, Zauberinnen und Göttern – wird im ersten Teil bildgewaltig und atmosphärisch dicht erzählt. Doch entscheidend ist weniger das „Was“ als das „Wie“: Die Stationen der Reise sind Schritte einer inneren Wandlung. Odysseus muss lernen, dass sein listenreicher Verstand nicht jedes Hindernis überwinden kann und dass auch er Hilfe braucht.
Die Rache des Poseidon
Sein Hochmut, die Provokation, die er dem menschenfressenden Zyklopen entgegenschleudert; den er zuvor geblendet hat und der daraus resultierende Zorn Poseidons verdonnern ihn und seine Kameraden zu der langen Irrfahrt – eine pädagogische Prüfung, von Zeus (Stimme: Markus Hottgenroth) kommentiert: Er müsse noch manches überstehen, „bevor er lernt, die Welt und alles Leben darin zu würdigen“. So wird der Listenreiche zum Dulder wider Willen, zum Hiob.
Besonders eindrucksvoll sind die Deutungen der Begegnungen im Hades. Hier erfährt Odysseus Demut: durch den blinden Seher Teiresias, aber auch durch die Konfrontation mit der verstorbenen Mutter (beide: Joscha Schönhaus), Sinnbild von Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Hilfe erfährt er nur, wenn er die Regeln achtet und die Götter respektiert. Auch Tapferkeit, so lehrt ihn die Zauberin Circe (Roberta Monção), kann zuweilen Torheit bedeuten.
Das Glück der Heimkehr
Die zweite Hälfte der Inszenierung widmet sich ganz dem Glück der Heimkehr. Der Kampf der Freier um Penelope (Julia Schmalbrock) erhält komödiantische Züge, ohne an Schärfe zu verlieren. Athene (Gabriele Fischer) steht dem Paar helfend zur Seite und zwingt Odysseus zur letzten Lektion: Bescheidenheit. Als Bettler verkleidet, „zum Geringsten geworden“, schleicht er sich, vom wiedergefundene Sohn Telemachos (Felix Bronkalla) begleitet, in sein eigenes Haus, um den Kampf mit den dreisten und anmaßenden, penetranten und prassenden Freiern, allen voran Antinoos (Klaus Philipp) aufzunehmen, die sein Haus und sein Weib belagern und bedrängen.– eine weitere List, die nur gelingt, weil er gelernt hat, seine Macht nicht offen zur Schau zu stellen. Erst muss er das Misstrauen Penelopes überwinden, bevor der einsame Held am Ende wirklich „endlich daheim“ ist.
Atmosphärische Dichte durch Bühne und Sound
Ein starkes, einprägsames Bühnenbild prägt den Abend: Der drehbare, stählerne Schiffsrumpf – gestaltet von Aylin Kaip – kann als überdimensionales Gefäß gelesen werden, als Sinnbild des Menschen, der Erfahrungen, Zweifel und Erkenntnisse in sich aufnimmt. Nebel, grautönige Kostüme und die geheimnisvollen, teils unheilschwangeren Synthesizer-Sounds von Bettina Ostermeier schaffen eine dichte, zuweilen mystische Atmosphäre. Sehr eindrucksstark sind die chorischen Sirenenklagen, der aus zwei Schauspielern „gebaute“ riesige Zyklop oder die weiße Gestalt des Sehers Teiresias, die sich aus dem Nebel herausschält.
Starkes Ensemble
Das Ensemble überzeugt auf ganzer Linie: Die Schauspieler schlüpfen scheinbar mühelos in bis zu sechs verschiedene Rollen und agieren präzise, wandlungsfähig und mit großer Spielfreude. Diese gemeinsame Energie trägt den Abend – und erreicht das Publikum.
So wird die Odyssee im Stadttheater zu mehr als einer Nacherzählung eines Mythos: Sie wird zur eindrucksvollen Reflexion über menschliche Grenzen, Verantwortung und die Sehnsucht nach Ankunft. Ein Premierenabend, der lange nachhallt – und der vom Publikum zu Recht mit tosendem, lang anhaltenden Applaus belohnt wurde.
Theatergottesdienst
Zum Stück findet am 8. Februar um 17 Uhr in der Kirche St. Johann Baptist ein Theatergottesdienst statt.
Tickets und Informationen zu allen Veranstaltungen gibt es unter www.landestheater-schwaben.de. Kartenreservierung sind zudem telefonisch unter 08331 9459-16, per Mail an vorverkauf@landestheater-schwaben.de, oder vor Ort am Theaterplatz in Memmingen möglich.