Falsch verbunden? Die Stadträte Gottfried Voigt, Jürgen Kolb und Heidi Weinert amüsierten ihr Publikum mit einer Verwaltungssatire. Die Rolle des Buchbinders Wanninger übernahm Christof Heuß aus dem Off. Foto: Antje Sonnleitner
Memmingen (as). Mit klarer kommunalpolitischer Ausrichtung, historischem Tiefgang und einer Portion Selbstironie haben die Freien Wähler Memmingen ihren politischen Aschermittwoch in der Weinstube „Löwen“ begangen. Im Mittelpunkt standen Memminger Themen – und natürlich die bevorstehende Stadtratswahl am 8. März.
Der erste Vorsitzende Michael Albrecht begrüßte zahlreiche Gäste, Kandidaten, Stadträte – darunter auch Stadtführerin und Heimatpflegerin Sabine Streck.
Gleich zu Beginn stellte Albrecht klar: Kein Berlin-Bashing, keine weltpolitischen Ferndiagnosen – sondern volle Konzentration auf Memmingen. Der politische Aschermittwoch sei der Tag, „an dem man Dinge ausspricht, die man sich sonst vielleicht nur denkt“.
Ein zentrales Thema der vergangenen Monate sei die Kandidatensuche gewesen. „In Zeiten, in denen jeder sofort kommentiert, aber keiner kandidiert, ist das echte Überzeugungsarbeit“, so Albrecht. Am Ende hätten 40 Personen „Ja“ gesagt – Menschen, die gestalten wollten, keine Selbstdarsteller.
Mit Blick auf den laufenden Wahlkampf zeigte sich Albrecht zufrieden: kreative Werbekonzepte, inhaltlich starke Flyer, sichtbare Kandidaten. Mit einem Augenzwinkern verwies er auf Diskussionen um angebliche „Wahl-Wettbewerbsverzerrung“ – ein Zeichen, dass man offenbar wahrgenommen werde.
Der 8. März sei der entscheidende Termin. Dann hoffe man, die derzeit fünf Sitze im Stadtrat mindestens halten zu können.
„Alte Heimat – neue Heimat“
Den inhaltlichen Auftakt des Abends gestaltete Sabine Streck mit ihrem Vortrag „Alte Heimat – neue Heimat“.
Ausgehend vom zeitgleich stattfindenden AfD-Aschermittwoch in der Stadthalle unter dem Motto „Wir sind Heimat“ spannte Streck den historischen Bogen zum Schicksal der sudetendeutschen Heimatvertriebenen. Drei Millionen Menschen verloren nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat, rund 20.000 von ihnen kamen 1946 nach Bayern. Die Sudetendeutschen stellten in Schwaben und Bayern die größte Bevölkerungsgruppe. In Memmingen lebten 1946 etwa 5.000 bis 6.000 Heimatvertriebene und Flüchtlinge, was einem Bevölkerungsanteil von rund 25 Prozent entspricht.
Anhand von Bildern und Zeitzeugnissen aus dem Heimatmuseum Freudenthal/Altvater im Stadtmuseum zeichnete Streck das Leid, aber auch die kulturellen Prägungen der Vertriebenen nach. Sie las Gedichte der damals 20-jährigen Doris Maria Abeska über Verlust und Neuanfang und begab sich auf Spurensuche am Hühnerberg, wo sich einst das Kriegsgefangenenlager Stalag VII B und später eine Siedlung für Flüchtlinge befand.
Mit Fotos aus der Ausstellungsreihe „VerVolkt“ erinnerte Streck zudem an lange Zeit verdrängte Kapitel der Memminger Stadtgeschichte.
Verwaltungssatire: „Buchbinder Wanninger“
Für heitere Stimmung sorgte im dritten Teil des Abends ein Sketch in Anlehnung an Karl Valentins „Buchbinder Wanninger“. Die Stadträte Gottfried Voigt, Heidi Weinert, Jürgen Kolb und Christof Heuß schlüpften in verschiedene Rollen innerhalb einer fiktiven Memminger Stadtverwaltung.
Der geplagte Buchbinder Wanninger versuchte verzweifelt, der Stadt mitzuteilen, dass die bestellten Haushaltsbücher der Kämmerei fertig seien – und ob er die Rechnung mitschicken dürfe. Doch statt einer klaren Antwort wurde er von Amt zu Amt weiterverbunden: Bauamt, Tiefbauamt, Rechtsamt, Brand- und Katastrophenschutz, Organisation und Digitalisierung, Straßenverkehrsamt, Kämmerei – bis hin zum Oberbürgermeister persönlich.
Zwischen Elternzeit, Zuständigkeitsfragen, Digitalisierung, Parkausweisen und Gehaltsstufen verlor sich die Anfrage im bürokratischen Labyrinth. Die satirische Überzeichnung kommunaler Abläufe sorgte für viel Gelächter – und traf bei manchem Zuhörer durchaus einen Nerv.
Wahl-Toto mit Augenzwinkern
Zum Abschluss wurde es nochmals politisch – und spielerisch: Beim „Wahl-Toto“ durften alle anwesenden Gäste und Stadträte mit fünf Euro Einsatz ihren Tipp zur künftigen Sitzverteilung im Memminger Stadtrat abgeben. Am 8. März wird dann derjenige belohnt, der dem tatsächlichen Wahlergebnis am nächsten kommt.
So endete der politische Aschermittwoch mit guter Stimmung, viel Austausch und einem klaren Signal: Kommunalpolitik lebt vom Engagement vor Ort – und dabei darf durchaus auch mal humorvoll zugehen.