Vor über 600 Gästen in der Aula des Schulzentrums Ottobeuren bezogen die vier Kandidaten für das Landratsamt Stellung zu wichtigen aktuellen Themen. Von links: Der amtierende Landrat Alex Eder (Freie Wähler), Verena Winter (CSU), Moderator Etienne Le Maire, Dr. Otto Schmid (Grüne) und Christoph Maier (AfD). Foto: Sonnleitner
Ottobeuren (as). Wer wird Landrat im Unterallgäu? Bei einer spannenden Podiumsdiskussion der Memminger Zeitung stellten sich alle vier Kandidaten den Fragen des Moderators und des Publikums – und lieferten sich in der Aula des Schulzentrums Ottobeuren eine kontroverse Debatte über Wohnraum, Migration, Energiewende, Gesundheitswesen, Verkehr und Finanzen.
Am 8. März entscheiden die Bürgerinnen und Bürger, wer künftig an der Spitze des Landkreises steht. Bereits am 19. Februar konnten sich mehr als 600 Besucherinnen und Besucher ein Bild von den Bewerbern machen. Moderator Etienne Le Maire führte mit provokanten Fragen und Kommentaren durch den Abend – sachlich blieb es dennoch, auch wenn einzelne Wortmeldungen für spürbare Spannungen im Saal sorgten.
Zur Wahl stehen:
- Alex Eder (Freie Wähler), 42, Bauingenieur, amtierender Landrat seit 2020
- Christoph Maier (AfD), 41, Rechtsanwalt und parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion im Landtag
- Verena Winter (CSU), 34, Zweite Bürgermeisterin von Kettershausen, Fachanwältin
- Dr. Otto Schmid (Grüne), 66, pensionierter Pädagoge und langjähriger Schulleiter
Bereits zu Beginn kam es zu Protesten gegen den AfD-Kandidaten. Während der Diskussion zeigte sich: In vielen Sachfragen liegen die Positionen teils weit auseinander – besonders bei Migration und Energie.
Wohnraum: Mehr bauen – aber wie?
Der Landkreis wächst, bezahlbarer Wohnraum bleibt knapp. Hier wurden die Unterschiede besonders deutlich.
Christoph Maier brachte seinen Wahlkampfslogan „Abschieben schafft Wohnraum“ ins Spiel und plädierte für eine restriktive Migrationspolitik als Mittel gegen Wohnungsmangel.
Alex Eder verwies auf die bestehenden Instrumente: Mit zwei kommunalen Wohnbaugesellschaften verfüge der Landkreis inzwischen über rund 1.500 Wohnungen – doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Wohnungsbau sei möglich, aber kein Schnellschuss.
Dr. Schmid sprach sich klar für gemeinwohlorientierten und genossenschaftlichen Wohnungsbau aus. Mehr Angebot führe langfristig zu günstigeren Preisen – auch wichtig, um Fachkräfte zu gewinnen.
Verena Winter setzte früher an: Ohne Bauland kein Wohnraum. Sie sieht Chancen in der Umnutzung leerstehender Hofstellen und wirbt für Modellregionen zur Entbürokratisierung.
Dorfleben: Entbürokratisierung oder Landwirtschaft stärken?
Leerstehende Bauernhöfe und ausblutende Ortskerne beschäftigen viele Gemeinden.
Winter forderte steuerliche Erleichterungen für Landwirte, um Hofstellen einfacher umnutzen zu können.
Schmid betonte die Bedeutung einer starken, wertgeschätzten Landwirtschaft für lebendige Dörfer.
Maier sprach sich für weniger Bauvorschriften und gezielte Förderung junger Familien aus.
Eder warnte vor einem „rechtsfreien Raum“ beim Bauen: Vorschriften dienten auch dem Schutz der Nachbarn. Steuerliche Probleme bei Betriebsentnahmen bestätigte er jedoch ausdrücklich.
Migration: Der emotionalste Moment des Abends
Beim Thema Asylpolitik wurde es kontrovers.
Eder berichtete von stark gesunkenen Zugangszahlen und komplexen Vertragslagen bei Unterkünften. Die Herausforderung bleibe, da langfristige Mietverträge liefen.
Maier forderte unter anderem, den Flughafen Memmingen als Abschiebeflughafen zu nutzen. Seine Aussagen sorgten für laute Buh-Rufe im Saal, aber auch Applaus.
Winter betonte eine klare Linie: Hilfe für Schutzberechtigte – aber nur auf rechtlicher Grundlage.
Schmid verteidigte eine humanitäre Haltung: Menschenrechte und Verteilungsgerechtigkeit seien keine Naivität, sondern Ausdruck von Humanismus.
Energiewende: Zwischen Ausbau und Stoppforderung
Auch bei Windkraft und erneuerbaren Energien gingen die Positionen weit auseinander.
Schmid und Winter befürworten den Ausbau, fordern aber Bürgerbeteiligung und Rücksicht auf Landschaft sowie Landwirtschaft.
Eder verwies auf die Gründung eines Regionalwerks mit 29 Gemeinden, um die Energiewende gemeinwohlorientiert zu gestalten. Photovoltaik auf Dächern sei sinnvoll, Speicherlösungen entscheidend.
Maier hingegen sprach sich für einen Stopp der Energiewende aus und plädierte langfristig für eine Rückkehr zur Kernenergie.
Kliniken: Einigkeit trotz Neubau in Memmingen
Überraschend harmonisch verlief die Debatte zur Kliniklandschaft.
Das neue Memminger Klinikum (Investitionsvolumen rund 440 Millionen Euro) sieht keiner der Kandidaten als Bedrohung für Mindelheim oder Ottobeuren. Die Einbindung in den Klinikverbund Allgäu sichere Stabilität.
Eder betonte, dass der Landkreis zu den wenigen in Bayern ohne Betriebskostendefizit gehöre. Winter hob die Spezialisierungen der Unterallgäuer Häuser hervor.
Die Frage, ob es gut wäre, wenn Memmingen dem Klinikverbund beiträte, beantworteten die Kandidaten positiv-zurückhaltend, und verwiesen darauf, dass es nicht zuletzt an Memmingen sei, dies zu entscheiden. Landrat Alex Eder äußerte sich angesichts der komplexen Vorgeschichte dieses Themas vorsichtig-diplomatisch, im Moment sei er jedoch froh, "dass wir unseren Weg gehen und Memmingen diese Last allein schultern muss".
Verkehr: Flexibus als Modell – aber mit Luft nach oben
Im Flächenlandkreis bleibt Mobilität eine Daueraufgabe.
Eder verteidigte den flächendeckenden Flexibus als pragmatische Lösung.
Winter sieht Verbesserungsbedarf bei Taktung und Vernetzung.
Schmid forderte Nachtverkehr und stärkere Förderung von Radwegen.
Maier unterstrich die Bedeutung des Individualverkehrs, auch mit Verbrennungsmotor.
Finanzen: Sparen oder investieren?
Zum Abschluss ging es ums Geld. Große Investitionen – insbesondere in Schulen – treffen auf angespannte kommunale Haushalte.
Winter sprach sich gegen eine weitere Erhöhung der Kreisumlage aus und stellte Großprojekte wie den Bündelungsbau des Landratsamtes infrage.
Maier möchte vor allem im Sozialbereich sparen und verwies in diesem Zusammenhang besonders auf die Ausgaben für unbegleitete Flüchtlinge.
Schmid forderte mehr Unterstützung von Land und Bund.
Eder verwies auf solide Haushaltsführung: Anfang 2025 sei der Kernhaushalt schuldenfrei gewesen. Aber ohne neue Verschuldung werde es nicht gehen. So investiere der Landkreis massiv in Bildung – in den letzten sechs Jahren flossen fast 30 Millionen Euro in Schulstandorte. Mittelfristige sind fast 100 Millionen Euro für Bauprogramme in diesem Bereich vorgesehen. "Wir investieren unglaublich viel in Bildung als Schlüssel zum Wohlstand und die Fachkräftesicherung", so Landrat Eder.
Fragen aus dem Publikum: Flughafen, Pflege, Kultur
Auch aus dem Publikum kamen einige Fragen – zum Beispiel zu Themen: Flughafen, Pflegenotstand und Kulturförderung.
Flughafen: Wirtschaftsmotor mit Schattenseiten
Beim Thema Flughafen Memmingen waren sich alle Kandidaten grundsätzlich einig, dass er ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Region ist – trotz spürbarer Belastungen für Anwohner.
Christoph Maier brachte eine zusätzliche Autobahnausfahrt sowie mehr Parkplätze ins Gespräch, um den Druck auf Memmingen zu reduzieren. Diese Ansicht teilt Verena Winter.
Alex Eder verwies in seiner Funktion als Vorsitzender der Fluglärmkommission auf die bekannten Nachteile wie Lärmbelastung, betonte aber ebenfalls die wirtschaftliche Bedeutung des Airports.
Dr. Schmid rückte vor allem die Belastung der Anwohner und mögliche Wertminderungen von Immobilien in den Fokus.
Pflegenotstand: Internationale Kräfte als Lösung?
Deutlich auseinander gingen die Meinungen beim Thema Pflege.
Maier sprach sich für bessere Bezahlung und höhere Wertschätzung aus, zeigte sich jedoch skeptisch gegenüber einer stärkeren Anwerbung ausländischer Fachkräfte.
Winter und Eder hingegen verwiesen auf positive Erfahrungen mit vietnamesischen Pflegekräften, die sich als Erfolgsmodell erwiesen hätten. Angesichts der generalistischen Ausbildung, durch die Seniorenheime und Krankenhäuser um dieselben Fachkräfte konkurrieren, sei internationale Rekrutierung ein wichtiger Baustein.
Schmid unterstrich die strukturellen Herausforderungen im Pflegebereich, ohne die Nationalitätenfrage in den Vordergrund zu stellen.
Kultur: Debatte um das Landestheater
Eine kritische Nachfrage aus dem Publikum gab es zur Kulturförderung zur Forderung Christoph Maiers, dem Landestheater Schwaben Mittel zu streichen. Ein solcher Schritt würde die Kulturlandschaft im Landkreis erheblich schwächen.
Maier argumentierte, das Theater sei politisch nicht neutral.
Eder entgegnete, ein Austritt aus dem Zweckverband sei rechtlich faktisch nicht möglich, da die Zustimmung der übrigen Mitglieder erforderlich wäre – und diese die finanzielle Last nicht alleine tragen würden.
Fazit: Klare Profile – klare Unterschiede
Die Podiumsdiskussion machte deutlich:
- Eder punktet mit Amtsbonus und Detailkenntnis und war naturgemäß bei vielen Themen nicht nur mit der Materie vertrauter als seine Mitbewerber, sondern konnte auch den Realitätsabgleich liefern, da er als amtierender Landrat natürlich weiß, was möglich ist und wo Pläne und Ideen an Auflagen und Kompetenzen scheitern.
- Winter setzt auf strukturelle Reformen und Entbürokratisierung.
- Schmid betont soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und kommunale Solidarität.
- Maier polarisiert mit klarer migrations- und energiepolitischer Gegenposition.
Am Ende zeigte eine Publikumsabfrage: Die meisten Gäste hatten ihre Wahlentscheidung bereits getroffen – nur zwei Zuhörer änderten ihre Meinung nach der Debatte.
Die Entscheidung fällt am 8. März. Wir sind gespannt.