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Wenn Gewissheiten zerbrechen

„Dinge, die ich sicher weiß“ - Starke Premiere des Familiendramas

veröffentlicht am 14.03.2026
Dinge, die ich sicher weiß

Pip (Cindy Walther) sucht Trost bei ihrer Mutter Fran (Gabriele Fischer), trifft jedoch auf Unverständnis. Klaus Philipp überzeugt als Vater Bob und Delia Rachel Bauen als Nesthäkchen Rosie. Foto: David Lindert

Memmingen (as). Was ist normal? Was ist sicher? Wer bestimmt das eigentlich – und wie viel sind wir bereit zu opfern, um uns sicher und geliebt zu fühlen? - Mit diesen Fragen konfrontiert das australische Familiendrama „Dinge, die ich sicher weiß“ sein Publikum. Die Premiere am Landestheater Schwaben unter Leitung von Alice Asper wurde zu einem intensiven Theaterabend, der spürbar unter die Haut ging.

Das Schauspiel des australischen Autors Andrew Bovell gehört zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Theaterstücken der letzten Jahre. Seit seiner Uraufführung 2016 wurde es weltweit an zahlreichen Bühnen gezeigt – mit großem Erfolg. Der Grund: Bovell erzählt eine scheinbar einfache Geschichte über eine Familie und trifft damit einen Nerv.

Ein Jahr im Leben der Familie Price

Im Mittelpunkt steht die Familie Price: Mutter Fran (Gabriele FIscher), Vater Bob (Klaus Philipp) und ihre vier inzwischen erwachsenen Kinder Pip (Cindy Walther), Mark (Joscha Schönhaus), Ben (Joël Dufey) und Rosie (Delia Rachel Bauen). Über den Verlauf eines Jahres hinweg geraten die vertrauten Beziehungen zunehmend ins Wanken. Die Kinder versuchen, ihren eigenen Weg zu finden – und lösen sich damit Schritt für Schritt von den Erwartungen und Vorstellungen ihrer Eltern.

Rosie, das Nesthäkchen, kehrt nach einer enttäuschenden ersten Liebe nach Hause zurück. Sie versucht, die Scherben ihres Lebens zusammenzukehren und sucht Halt bei ihren Eltern. Ihre Liste „Dinge, die ich sicher weiß“ wird dabei zum Versuch, Gewissheiten in einer Welt zu finden, die immer unsicherer erscheint.

Doch Sicherheit gibt es in dieser Familie nur scheinbar. Eine Wurzel des Übels, neben mangender Selbstreflexion, ist die gestörte Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern. Jeder meint zu wissen, was für den anderen richtig ist – doch kaum jemand hört dem anderen wirklich zu. Bei der Suche nach dem Glück stehen sich Eltern und Kinder oft selbst im Weg.

Wenn Lebensentwürfe scheitern

Mutter Fran trägt eine tiefe Wut und Enttäuschung in sich. Zwischen Fürsorge, Vorwürfen und Beschimpfungen schwankend, lässt sie ihren Angehörigen kaum Raum zum Atmen. Sie ahnt hinter jeder Veränderung eine Katastrophe und scheint sich an der Familie für ihr eigenes, unerfülltes Leben zu rächen.

Vater Bob, Frührentner und lange Zeit stiller Beobachter, versucht seine Rolle als Familienoberhaupt zu behaupten. Seine Welt ist der Garten – ein Ort von Ordnung und Kontrolle, während das Familienleben längst aus den Fugen gerät.

Die Kinder wiederum suchen Verständnis und Unterstützung – und hören stattdessen Vorhaltungen und Schuldzuweisungen nach dem unausgesprochenen Motto: „Ich wusste doch, dass das schiefgehen muss.“ Die Eltern ertragen es kaum, dass die Lebensentwürfe ihrer Kinder ihre eigenen Vorstellungen infrage stellen.

Im Laufe des Jahres kommen zudem immer mehr lange gehütete Geheimnisse ans Licht – und zeigen, wie sehr sich die Familienmitglieder voneinander entfernt haben.

Eine Familie unter dem Brennglas

Andrew Bovell interessiert sich weniger für spektakuläre Ereignisse als für die leisen Verschiebungen innerhalb einer Familie: für die Momente, in denen Kinder erwachsen werden und Eltern erkennen müssen, dass sie ihr eigenes Leben nicht auf ihre Kinder übertragen können.

Gerade diese Nähe zum Alltag macht das Stück so eindringlich. Bovell idealisiert die Familie nicht – er legt sie vielmehr unter ein Brennglas. Streit, Loyalität, Enttäuschung und Versöhnung existieren gleichzeitig – so wie im echten Leben.

Reduziertes Bühnenbild

In der Memminger Inszenierung steht nicht der Garten im Mittelpunkt, wie in vielen anderen Produktionen des Stücks. Stattdessen dominiert im Bühnenbild von Hannes Neumaier ein durch ein Fachwerkgerüst angedeutetes Haus mit nur wenigen Möbeln die Bühne – ein Raum jenseits von Idylle, der zugleich Heimat, Erinnerung und Veränderung symbolisiert.

Der riesige Rucksack, den Rosie zu Beginn abstreift, verweist auf die Welt draußen – eine Welt voller Möglichkeiten, die innerhalb dieser vier angedeuteten Wände verhandelt wird.

Ein starkes Ensemble

So entsteht ein Theaterabend, der emotional stark wirkt, ohne auf große Effekte angewiesen zu sein. Die Zuschauer nahmen Anteil am Geschehen auf der Bühne und dankten den sechs Darstellerinnen und Darstellern am Ende mit lang anhaltendem Applaus. Ihr Spiel überzeugte auch als starke Ensembleleistung.

Familie ist nie perfekt

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Familie ist nie perfekt. Und doch bleibt sie ein Ort, an dem Menschen immer wieder zueinander finden können – manchmal erst spät, manchmal erst nach schmerzhaften Verlusten.

Gerade diese Mischung aus Ehrlichkeit, Melancholie, leisem Humor und Mitgefühl und das eindringliche Spiel des Ensembles machen „Dinge, die ich sicher weiß“ zu einem bewegenden Stück Theater.

Tickets gibt es unter landestheater-schwaben.de