Die schöpferische Macht des Wortes

Verleihung des Memminger Freiheitspreises an Heribert Prantl

veröffentlicht am 22.05.2022

Bei der Preisverleihung in der Martinskirche (v. li.): Laudator Bundestagspräsident a. D. Prof. Dr. Norbert Lammert, Oberbürgermeister Manfred Schilder, Preisträger Prof. Dr. Heribert Prantl und Herbert Müller, Vorsitzender des Kuratoriums „12 Bauernartikel und Memminger Freiheitspreis 1525“. Fotos: Antje Sonnleitner

Memmingen (as). Bei einem stimmungsvollen Festakt in der Martinskirche wurde der Journalist und politische Publizist Prof. Dr. Heribert Prantl mit dem „Memminger Freiheitspreis 1525“ ausgezeichnet. Laudator war Bundestagspräsident a.D. Prof. Dr. Norbert Lammert. Er beschrieb den Preisträger in seiner Laudatio als „engagierten Europäer, bekennenden Christen, exzellenten Juristen und brillanten Journalisten“. Der Freiheitspreis, der diesmal für die Domäne der Pressefreiheit vergeben wurde, wird von Isabel und Fritz Brey gestiftet, er ist auf 15.000 Euro dotiert.

Der Preisträger Prof. Dr. Heribert Prantl mit Oberbürgermeister Manfred Schilder beim Einzug in die Martinskirche.

„Mit seinen kenntnisreichen und scharfen Analysen unserer Gesellschaft setzt sich Prof. Heribert Prantl unablässig und mit großem Nachdruck für die Wahrung der Menschenwürde, für Freiheit, Recht und Gerechtigkeit ein“, würdigte Oberbürgermeister Manfred Schilder die Verdienste des Preisträgers um die Pressefreiheit. Als herausragende Journalistenpersönlichkeit des Landes konfrontiere Heribert Prantl "den Wildwuchs des Populismus unablässig mit den Prinzipien des Grundgesetzes".

Pressefreiheit als Grundsäule der Demokratie

Herbert Müller, Vors. Kuratorium „12 Bauernartikel und Memminger Freiheitspreis 1525“ . Foto: Marx Studios

„Im Spannungsfeld von Recht, Moral und Politik stellt er sich einem fahrlässigen Umgang mit der Wahrheit entgegen und verteidigt die Pressefreiheit als eine der Grundsäulen unserer demokratischen Gesellschaft“, attestierte das Memminger Stadtoberhaupt dem 1953 in der Oberpfalz geborenen Preisträger.

Heribert Prantl, der Philosophie, Geschichte und Jura studiert hatte, war zunächst als Richter und Staatsanwalt tätig, bevor er sich ganz dem Journalismus verschrieb. 25 Jahre lang leitete er zunächst das Ressort Innenpolitik, dann das Ressort Meinung der Süddeutschen Zeitung. Viele Jahre lang war er Mitglied der Chefredaktion. Heute ist er Kolumnist und Autor zahlreicher politischer Werke.

"Die Freiheit beginnt beim Du"

Der "Hausherr" der Kirche St. Martin, Dekan Christoph Schieder. Foto: Marx Studios

„Es ist unsere demütige Bitt‘ und unser aller Wille…“, so beginnen die Zwölf Artikel, vorgetragen von Landestheater-Intendantin Dr. Kathrin Mädler, in denen die Bauern 1525 energisch, aber höflich gegen die Raffgier und Willkür ihrer ausbeuterischen Herrschaft unter Verweis auf das Evangelium aufbegehrten. Sie verwiesen dabei auf die Gemeinde als Zentrum bäuer- und bürgerlicher Gemeinschaft.

Dies hob auch der Vorsitzende des „Kuratoriums 12 Bauernartikel – Memminger Freiheitspreis“ Herbert Müller hervor. Freiheit bedeute, „frei für den anderen zu sein“ und Verantwortung für die Schwächeren zu übernehmen. „Wir entscheiden, ob unser Freiheitsbegriff näher bei Jesus von Nazareth oder bei Charles Darwin verortet wird“, betonte Müller.

"Zwiegespräch statt Zwietracht"

So seien auch die 12 Artikel keine Kriegerklärung, sondern ein Angebot zum Dialog gewesen. „Damals greifen die schwäbischen Bauernhaufen nicht zur Waffe, sondern sie ergreifen das Wort“; stellte Dekan Christoph Schieder heraus. Die Bauern setzten auf die „schöpferische Macht des Wortes“.

Von dort aus schlug Schieder die Brücke zu Heribert Prantl, der sich einem solch schöpferischen Wortgebrauch verschrieben habe. „Nachdenklich, kritisch wollen Sie die Gesellschaft – und ab und an auch unsere Kirchen – davor bewahren, sich immer nur an der fröhlich-selbstbewussten Fahrt im eigenen Gedanken-Karussell zu erfreuen“, so der Dekan wörtlich. Es gelte, den Blick zu weiten und neue Perspektiven zu finden, denn alles Reden, Schreiben, Diskutieren und Argumentieren diene doch letztlich dem Zweck, „dass Menschen frei sind, frei bleiben und immer wieder frei werden können“.

Schalkhafte Laudatio

Eine humorvolle Laudatio hielt Bundestagspräsidenten a. D. Prof. Dr. Norbert Lammert. Foto: Marx Studios

Für Erheiterung im ehrwürdigen Gemäuer der Martinskirche sorgte die schalkhafte Lobrede auf den honorigen, vielfach ausgezeichneten Preisträger seitens des Bundestagspräsidenten a. D. Prof. Dr. Norbert Lammert, der „von der Kanzel herab“ sprach. Sorgfalt, Ernsthaftigkeit und Sprachgewalt präge die geistreichen und glänzend formulierten Beiträge des Preisträgers, der sich in seinem Werk der Demokratie und der Grundrechte verschrieben habe.

"Pressefreiheit ist auch eine Pflicht"

Die Prägnanz von Prantls Argumentation verdeutlichte Lammert anhand einiger Zitate aus dem Werk des Preisträgers: „Nicht die Freiheit muss sich rechtfertigen, sondern ihre Beschränkung und Begrenzung.“ Oder: „Wir sind der einzige Beruf, für den es ein eigenes Grundrecht gibt, nämlich die Pressefreiheit. Und diese Pressefreiheit ist nicht nur ein Recht, sie ist auch eine Pflicht.“

"Das war, das ist spektakulär“

Der vielfach geehrte und eher bescheiden wirkende Prantl widmete den Preis posthum seiner Großmutter, der er die Faszination für das Schreiben verdanke. Bei der Stadt Memmingen bedankte er sich dafür, „dass sie der Freiheit und den Freiheitsrechten auf den Grund geht“.

Dr. Kathrin Mädler, Intendantin des Landestheaters Schwaben, verlas die Zwölf Artikel von 1525 in einer Übertragung ins Neuhochdeutsche durch Heide Ruszat-Ewig. Foto: Marx Studios

Es erfülle ihn mit Demut und Stolz, einen Preis annehmen zu dürfen, der im Namen der Freiheit verliehen werde, so Prantl. „Die Geschichte des Kampfes für Freiheit und Menschenrechte in Europa beginnt nicht erst 1789 mit der Französischen Revolution, sondern 250 Jahre früher in Memmingen. So früh wurden zum ersten Mal Grund- und Menschenrechte formuliert. Das war, das ist spektakulär“, betonte Prantl zur Freude der Veranstalter. Er zog eine grundrechtliche Linie von der Stube der Memminger Kramerzunft hin zur Frankfurter Paulskirche und zur Weimarer Reichverfassung von 1919.

Kritische Anmerkungen zum aktuellen Zeitgeschehen

In seiner mittäglichen Rede auf dem Markt der Möglichkeiten schlug Heribert Prantl kritische Töne zum aktuellen Zeitgeschehen an. „Kurzzeitig mögen Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote notwendig gewesen sein, kommentierte er die Coronamaßnahmen der Regierung. „Eine Demokratie kann aber auch an solchen Maßnahmen sterben, wenn sie zum allzeit einsetzbaren Instrument eines übergriffigen Staates werden“, stellte er klar. Es galt und gelte auch weiterhin zu verhindern, dass das Virus und die Maßnahmen dagegen die Grundrechte aushöhlten.

Prantls Kritik galt dabei keineswegs nur der Regierung, sondern gleichermaßen den Medien als Erfüllungsgehilfen eines autoritären Politikstils: „Es ist Aufgabe der Presse, unverhältnismäßige Grundrechtseingriffe anzuprangern und nicht als Beitrag zur Volksgesundheit schönzureden.“ Pressefreiheit sei auch nicht dazu da, jede und jeden als ignorant, idiotisch oder extremistisch hinzustellen, dem die staatlichen Einschränkungen zu weit gehen. Es sei vielmehr die Aufgabe der Presse, Menschen ins Gespräch zu bringen.

Von Rechthaberei und Unduldsamkeit sieht er auch die Diskussion um die angemessene Hilfe für die Ukraine überschattet. Ein abwägender Bundeskanzler werde von sozialen und klassischen Medien getrieben, sich militärisch noch viel stärker in der Ukraine zu engagieren. Pressefreiheit sei jedoch auch dafür da, "eine gute, ernste, verantwortungsvolle Diskussion darüber zu ermöglichen, wie das am besten geschieht".

Die Verleihung des Memminger Freiheitspreises wurde durch Kirchenmusikdirektor Hans-Eberhard Roß an der Orgel sowie durch den Bläserchor St. Martin unter der Leitung von Rolf Spitz musikalisch feierlich gestaltet. Foto: Sonnleitner