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„Es geht um Gerechtigkeit und Verantwortung“

Memminger Museumsobjekte aus der NS-Zeit unter der Lupe

veröffentlicht am 10.06.2024
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Ein Pentateuch und Künersberger Fayencen aus Privathaushalten jüdischer Bürger - Provenienzforscherin Esther Heyer zeigte Forschungsobjekte aus dem Bestand des Stadtmuseums. Foto: Pressestelle Stadt Memmingen

Memmingen (dl). Das Projekt „Provenienzforschung am Stadtmuseum“ soll in den nächsten drei Jahren Objekte genauer untersuchen, die während NS-Zeit in den Museumsbestand kamen. Bei einem Pressetermin im Hermansbau wurden nun die Hintergründe und Ziele des Projekts erläutert.

Zwischen 1933 und 1945 sind rund 250 Objekte in den Bestand des Stadtmuseums übergegangen. Ein Schlüsseldokument wurde bereits kurz nach der Reichspogromnacht 1938 angefertigt, wie die Kunsthistorikerin und Projektleiterin Esther Heyer berichtet: „Es handelt sich um eine systematische Verzeichnung der jüdischen Bevölkerung von Memmingen und Fellheim mit Namen und Adressen mit dem Titel: ‚Beschlagnahme von Gegenständen bei Juden im Stadtgebiet Memmingen, historischen und künstlerischen Wertes.‘ Einige dieser Objekte fanden Eingang in die Sammlung des Stadtmuseums Memmingen.“

Unrecht damals – Respekt heute

In der Provenienzforschung werden Herkunft und Besitzgeschichte Kulturgütern und Kunstwerken erforscht, erklärt Kulturamtsleiter Sebastian Huber. Die systematische Herangehensweise sei dabei ein Novum für Memmingen. „Wir müssen davon ausgehen, dass mehrere unserer Kulturgüter im Museum NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter sind“, so Huber. Vornehmlich gehe es daher bei dem Projekt um die Aufklärung von Besitzverhältnissen, die aus Unrechtskontexten hervorgegangen seien. Die Geschichten müssen so genau und ehrlich wie möglich erzählt werden, betont Huber und unterstreicht: „Das ist nicht primär eine Frage der wissenschaftlichen Genauigkeit, sondern eine Frage des Respekts gegenüber den Menschen, die damals verfolgt wurden. Zum anderen geht es um Gerechtigkeit und Verantwortung. Unwissenheit darf unrechte Besitzverhältnisse nicht legitimieren.“

Beteiligung der Bürger

Auch gemeinsam mit der Memminger und Allgäuer Gesellschaft sollen Geschichten und Herkunftskontexte von Alltags- und Gebrauchsgegenständen aus privaten Haushalten diskutiert und gemeinschaftlich Aufklärung zur Sammlungsgeschichte betrieben werden, erklärt Heyer. Die laufenden Forschungserkenntnisse werden daher regelmäßig in Veröffentlichungen, Führungen, partizipativen Veranstaltungen und via Social Media präsentiert und zur Diskussion gestellt.