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Pilger, Pannen, Provinzposse

Österreichische Kultserie „Braunschlag“ feiert Premiere im Stadttheater

veröffentlicht am 28.04.2026
Braunschlag

Maximale Katastrophen bahnen sich inmitten des österreichischen Miniatur-Idylls an. Bürgermeister Gerri Tschach (Harald Schröpfer), seine Frau Herta (Julia Schmalbrock), Polizistin Gerti (Delia Rachel Bauen) und Reinhard Matussek (Joscha Schönhaus) in der Inszenierung von Jörg Schlachter. Foto: Jürgen Bartenschlager

Memmingen (as). Vor gut gefülltem Haus feierte „Braunschlag“ am Landestheater Schwaben Premiere. Die Inszenierung zündete nicht von Anfang an, nahm aber spätestens in der zweiten Hälfte Fahrt auf und überzeugte vor allem durch eine starke Ensembleleistung und die verspielt-originelle Ausstattung.

Die Bühnenfassung der Kultserie von David Schalko (bearbeitet von Stefan Vögel) erzählt, knapp gefasst, von einem Bürgermeister, der aus finanzieller Not kurzerhand eine Marienerscheinung erfindet, um Pilgerströme in sein Dorf zu locken. Was als gewiefter Plan beginnt, gerät zunehmend außer Kontrolle – nicht zuletzt durch eine Galerie schräger Figuren, die zwischen Glauben, Gier und Größenwahn taumeln.

Regisseur Jürg Schlachter setzt dabei weniger auf stringente Erzählung als auf ein pointiertes Panoptikum, das immer wieder ins Groteske kippt. Dass die Inszenierung zu Beginn etwas schleppend anläuft und sich gelegentlich im Klamauk verliert, wird durch ihre großen Stärken mehr als ausgeglichen.

Puppenstubenhaftes „Heil(ig)e-Welt“-Idyll

Allen voran ist hier die Ausstattung von Esther Bätschmann zu nennen. Mit verspielter Fantasie entwirft sie ein buntes, fast puppenstubenhaftes „Heil(ig)e-Welt“-Idyll, das die pittoreske Dorfkulisse ebenso karikiert wie die moralischen Abgründe dahinter. Miniaturhäuschen, kleine Busse, die Pilgerscharen herankarren, ein multifunktionaler Brunnen, der kurzerhand auch zum Cabrio wird, und ein aufklappbarer Felsen, der den Altar für die kitschig illuminierte Madonna freigibt – all das schafft eine wandelbare Bühne, die den Abend trägt und ihm seine ganz eigene Handschrift verleiht.

Schräge Dorfbewohner

Ebenso überzeugend präsentiert sich das Ensemble, das mit großer Spielfreude und spürbarer Lust am Zusammenspiel agiert. Harald Schröpfer gibt den skrupellosen Bürgermeister Gerri Tschach als zynisches „Oaschloch“ mit kalkulierter Rücksichtslosigkeit. Julia Schmalbrock als seine (gut-)gläubige Frau Herta sorgt für überraschende Momente von Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, während Felix Bronkalla als schlitzohriger Wirt Pfeisinger und Cindy Walther als seine verzweifelt kinderwunschgeplagte Frau Elfi das Beziehungschaos pointiert ausspielen.

Für zusätzliche Absurdität sorgt Joscha Schönhaus als Reinhard Matussek, Elfis Bruder, der als entrückter UFO-Enthusiast unbeirrt auf ein außerirdisches Wunder wartet. André Stuchlik überzeugt als vatikanischer Ermittler Raffael Banyardi, der zwischen Skepsis und sinnlicher Verwirrung ins Taumeln gerät und in Herta sein metaphysisches Wunder findet, während Delia Rachel Bauen als übereifrige, letztlich korrumpierbare Polizistin Gerti die Szenerie aufmischt.

Bitterböse Provinz-Satire

Zwischen Marienerscheinung, Devotionalienhandel und drohendem Jüngsten Gericht – der als faschingstaugliches Gespenst ausstaffierte „Heilige Geist“ tritt hier nicht weniger bedrohlich auf als die Russenmafia – entfaltet sich eine bitterböse Satire auf Provinz, Glauben und menschliche Abgründe. Dass dabei nicht jeder Gag zündet und ein wenig mehr dialektaler Schmäh gutgetan hätte, fällt letztlich kaum ins Gewicht.

Denn wenn sich das Ensemble eingespielt hat und die Inszenierung ihre eigene Rhythmik findet, entsteht ein ebenso quirliger wie visuell einfallsreicher Theaterabend, dessen größte Stärke im Zusammenspiel seiner Darstellerinnen und Darsteller sowie in der fantasievollen Bühnenwelt liegt.